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DAS „UN-“ UND DIE PSYCHOANALYSE

Schon in der Alltagssprache wird die Vorsilbe „un-“ für eine ganz bestimmte Art der Verneinung gebraucht. Sie drückt ein Gegenteil von etwas aus – aber eben ein ganz anderes Gegenteil als zum Beispiel das Wort „nicht“. Das Unmenschliche zum Beispiel ist etwas anderes als das nicht Menschliche.[1] Die Untoten sind etwas anderes als die nicht Toten; das Ungute ist etwas anderes als das nicht Gute oder auch das Schlechte. So ist auch das Unding, schon in der Alltagssprache, etwas ganz anderes als gar kein Ding oder ein Nichtding.

In der psychoanalytischen Theorie zeigt sich das „Un-“ auffallend oft. Dort gibt es:

– das Unbewußte[2]

– das Unheimliche[3]

– das Unbehagen in der Kultur[4]

– oder zum Beispiel auch die Unlust[5].

Das Un- unterhält mit dem, was es verneint, eine besonders enge, innige Beziehung. Die Untoten sind, wie die Toten, schon einmal gestorben. Und die Unmenschen sind auch Menschen, selbst wenn sie sich unmenschlich verhalten.

Gerade das macht das Un- für die Psychoanalyse interessant und geeignet. Denn sie untersucht immer wieder Dinge, die viel mit ihrem vermeintlichen Gegenteil zu tun haben. Das Unheimliche hat viel mit dem Heimlichen zu tun; ihre Bedeutung fällt manchmal sogar, wie Freud bemerkt, zusammen. Auch die Unlust ist möglicherweise früher einmal Lust gewesen. Und der Unsinn, der sich im Witz oder in der Zwangshandlung zeigt, kann durchaus schlau und sinnvoll sein.

Auch das Unreine, mit dem totemistische Kulturen sich auseinandersetzen, hat verdächtig viel mit dem Reinen, Heiligen zu tun. Für beides gebrauchen manche dieser Kulturen das Wort „tabu“. Nur für uns (Fremde) mag dies, wie Freud bemerkt, auf den ersten Blick paradox erscheinen:

„Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegengesetzten Richtungen auseinander. Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, andererseits: unheimlich, gefährlich, verboten, unrein.“[6]

Auf den zweiten Blick müssen wir Europäer uns eingestehen, dass es in unseren Kulturen etwas Ähnliches gibt. Fast alle indoeuropäischen Sprachen weisen zwei Worte für das Heilige auf, wie zum Beispiel das Englische mit „holy“ und „sacred“ oder das Lateinische mit „sanctus“ und „sacer“.[7] Am Heiligen ist offenbar immer etwas dran, das sich mal von einer gutartigen, schönen; mal von einer bösartigen, ekligen, furchterregenden oder blutigen Seite zeigt.

Emile Durkheim bemerkt dazu:

„Es gibt zwei Arten des Heiligen, die eine ist den Menschen zugeneigt, die andere nicht. Und zwischen diesen beiden entgegengesetzten Formen gibt es nicht nur keinen Bruch; ein und dasselbe Objekt kann sich vielmehr von sich aus in die andere verwandeln, ohne seine Natur zu verändern. Aus dem Reinen kann man Unreines machen; und umgekehrt. In der Möglichkeit dieser Umwandlungen besteht die Zweideutigkeit des Heiligen.“[8]

Auch in der Alltagskultur kennen wir diese Verwandlung von Qualitäten. In einer Radiosendung erklärten Jugendliche, dass sie Spucke, auch die eigene, im allgemeinen eklig fänden; die der geliebten Person aber nicht. Champagner zu trinken fänden viele im Alltag etwas seltsam; bei einer Geburtstagsparty aber finden sie es großartig.

In der Kunst hat man oft mit solchen Verwandlungen zu tun: schreckliche Dinge wie Autounfälle oder abgetrennte Medusenhäupter können in der Kunst (z. B. von Andy Warhol oder Peter Paul Rubens) zu etwas werden, das man fasziniert ansieht. Auch hässliche, ungelenke Striche oder primitive Verfahren des Farbauftrags können in der Kunst (z. B. bei A. R. Penck) zu Stilelementen großartiger Graphik oder Malerei werden – genauso wie noise in der Musik.

Könnte man ganz allgemein also sagen: die Kunst lebt, wie die Psychoanalyse, davon, mit dem Un- zu arbeiten? Besteht ihr Ziel nicht immer darin, etwas Ungutes in etwas Großartiges zu verwandeln? Gibt es Gegenbeispiele? Und wenn ja – was ist dort der Fall?

 

Robert Pfaller 2019-08-24

 

[1] Zu diesen Beispielen sowie zu Immanuel Kants Unterscheidung zwischen dem negativen und dem unendlichen Urteil siehe Slavoj Zizek: Ärger mit dem Realen/ Troubles with the Real, Wien: Sonderzahl (Linzer Augen), 2008: 37.

[2] Freud, Sigmund: Das Unbewusste (aus: Zur Technik der Psychoanalyse, 1924), hg. v. Lothar Baier u. Hans-Martin Lohmann, Stuttgart: Reclam, 2016; vgl. Scheinost-Reimann, Marianne/Schlüter, Sabine/Skale, Elisabeth (Hg.): Vom Unbewussten I-II. Sigmund-Freud-Vorlesungen 2013, Wien: Mandelbaum Verlag, 2014.

https://www.reclam.de/data/media/978-3-15-018955-9.pdf

http://www.psychoanalyse-graz.at/upload/fck/Danzinger_Zur%20Geschichte(1).pdf

[3] Freud, Sigmund: [1919h] Das Unheimliche, in: ders., Studienausg. Bd. IV, Frankfurt/M.: Fischer, 1989: 241-274.

[4] Freud, Sigmund: [1930a] Das Unbehagen in der Kultur, in: ders., Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt/M.: Fischer, 1993: 191-270.

[5] „Die Einzelheiten des Vorganges, durch welchen die Verdrängung eine Lustmöglichkeit in eine Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut verstanden oder nicht klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Unlust von solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden werden kann.“ (Sigmund Freud: [1920g] Jenseits des Lustprinzips, in: ders., Studienausgabe, Bd. III, Frankfurt/M.: Fischer, 1989: 213-272, hier: 220).

[6] Sigmund Freud [1912-13] Totem und Tabu, in: ders., Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt: Fischer, 1993: 287-444, hier: 311.

[7] Siehe dazu Benveniste, Emile: Le vocabulaire des institutions indo-européennes. Paris: Éds. de Minuit 1969, Bd. II: 188ff.

[8] Durkheim, Emile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994: 551.

 

Ein Kommentar

  1. Insa Haertel Insa Haertel

    Etwas Ungutes in etwas Großartiges zu verwandeln ist großartig. Etwas Ungutes in etwas Gutes schon weniger gut. Jedenfalls scheint das Großartige im Verhältnis zum Unguten und dessen bruchloser Entgegensetzung bereits einen Überschuss zu bilden, es schießt eben groß über das Gutartige hinaus. Vielleicht haben Kunst und Psychoanalyse gerade auch mit diesem Überschuss zu tun?

    Nimmt man z.B. das „Unbehagen in der Kultur“, dann kann es, meine ich, mit Psychoanalyse und Kunst kaum um das Ziel eines Behagens gehen. Bedarf es auch hier ein Surplus?

    Jenes Unbehagen ist bei Freud bekanntlich verbunden mit dem „großen ökonomischen Nachteil der Über-Ich-Einsetzung“. Gilt ihm an anderer Stelle die Erstarkung des Über-Ichs (selbst Ergebnis einer Umwandlung von außen nach innen) immerhin als „ein höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz“, so ist sie aber begleitet von der Spannung des „Schuldbewußtseins“ nicht nur trotz, sondern gerade bei tugendhaft erfolgtem Verzicht. Weil eben eine Wende stattgefunden hat, mit der sich das Über-Ich, zunächst kulturelles Mittel, um widrige Aggressionen durch Triebverzicht „unschädlich zu machen“, die „nicht zur Verwendung gelangte“ eigenen Aggression zunutze macht und umso mehr gegen einen richtet, je stärker man die Aggressionen nach außen beschränkt. Was mehr als ungut, vielmehr schauderhaft un-gerecht ist. „Höchst wertvoll“ verkehrt sich eben in „großer Nachteil“. Womöglich lässt sich das Unbehagen zum Teil in narzisstische Gewinne eines angenommenen „Besserseins“ verwandeln. Wäre das ein Behagen, mit dem das Un- eine innige Beziehung unterhält? Man kann vielleicht versuchen, sich im vermeintlichen Bessersein behaglich einzurichten.

    Letztlich haften, wie Freud schreibt, der Kultur unausweichlich Schwierigkeiten an. Daran ändert sich auch dann nicht viel, wenn man mittlerweile, wie Zupančič formuliert, nicht mehr elend ist, weil man sich schuldig fühlt, sondern sich schuldig, weil elend fühlt. Aber auch Un-schuldbewußtsein kann kaum das Ziel sein. Eher schon könnte es mit Psychoanalyse und Kunst darum gehen, weniger streng und gewissenhaft auf überhöhte Ideale eigener Unschuld zu fokussieren oder, umgekehrt, weniger darauf zu schielen, welche Umstände oder was gerade die Verwirklichung des kostbaren Ideals auch des Genießens selbst blockieren, welches einen beständig scheitern lässt. Auch dieses wieder unausweichliche Scheitern an der Vollendung findet sich bereits in Freud Aufsatz zum Unbehagen: dass man manchmal glaubt „zu erkennen, es sei nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Befriedigung“. Wobei die so besehen verquere Vorstellung einer möglichen vollen Befriedigung dennoch hochzuhalten eben genau Sache des Über-Ich ist: „What we find most difficult is hanging onto and enjoying the pleasure we have“, schreibt Copjec, und zwar nicht zuletzt genau deshalb, weil uns das Über-Ich im Zustand einer idealisierten Unzufriedenheit hält.

    Das hieße dann: Vom Unbehagen führt der psychoanalytische Weg weniger zum Behagen; eher tritt, wenn es läuft, eine partiale Befriedigung auf den Plan – und damit wieder ein Überschuss. Hat es etwas auf sich mit diesem Überschießen, diesem vielleicht seinerseits verqueren Hinausschießen noch über das innig Entgegengesetzte in der Verwandlung?

    fragt Insa Härtel

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