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Ein Blick im Stolpern

Bereits während eines Rombesuchs beinahe über eine Skulptur in der Kirche Santa Maria della Vittoria gestolpert, stolpere ich heute wieder über einen Zeitungsartikel. Mit dem Blick stolpern bedeutet meist auch auf etwas Besonderes stoßen. In DIE ZEIT[1] schreibt der Autor Clemens J. Setz über einen Besuch in der Ausstellung Caravaggio & Bernini[2] im Wiener Kunsthistorischen Museum und Kunstwerke, die Setz das Gefühl geben, dass ihr Inneres nicht für uns bestimmt ist[3]. Ob er dennoch Undinge findet, die in ihm ähnliche Empfindungen auslösen, die Roland Barthes mit den Worten: „(…)eine innerliche Erregung, ein Fest, auch eine Arbeit, der Druck des Unsagbaren, das gesagt werden will“[4] beschreibt?

Aus weißem Marmor gefertigt balgen sich in der Skulptur Eros und Anteros von Alessandro Algardi die beiden Brüder. Dieses Brüderpaar ist an sich schon ein Unding. Sie sind eins. Miteinander verbunden und doch einander gegenübergestellt, obwohl kein Gegensatz. Der eine will sich dem anderen entziehen und nie werden sie voneinander loskommen, da sie sich bedingen und überhaupt erst konstituieren. Das Ausgeschlossene kann nie ausgeschlossen sein. Das Andere einzufangen und zu beherrschen kann nie gelingen. Sie ringen um sich selbst.

„Das verblüffende Erklärschildchen neben der Skulptur besagt, dass sie sich darum balgen, wer von den beiden den anderen lieber mag. (…) Die Grausamkeit eines Babys zu zeigen ist sowohl spielend leicht als auch halsbrecherisch schwer. Denn einerseits ist diese Grausamkeit selbsterklärend (Mitleid lernt man ja erst im späteren Leben), andererseits auch tabu. Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem das Babyface eines Kindersoldaten aus Sierra Leone zu sehen war, kurz nachdem er jemandem die Kehle durchgeschnitten hatte. Hier ist es wieder, im Blick von Eros.“[5]

Dieser Blick über den Setz schreibt, mit dem die Barockmeister ihre Figuren und Skulpturen ausstatteten, zeigt sich aber auch nicht ganz so wörtlich in anderen Organen und Körperteilen als den Augen. So beschreibt er in Caravaggios Gemälde Narziss das erstaunlich leuchtende Knie mit den Worten: „…, fast geht es im Bild nur um dieses herrliche Knie, diese magische Kartoffel, diesen Meteor.“ Und nennt das, was für ihn die Barockmalerei in besonderer Fülle zu bieten hat: „das unerklärliche, strahlende Detail.“[6]

Am Ende der Ausstellung stößt der Autor auf eine der bekanntesten Figuren Berninis mit dem Titel Ekstase der heiligen Teresa von Avila. Mein beschriebener Stolperstein in Rom. Das Original teilt Meinungen und provoziert auch manche Besucher*innen seit rund 370 Jahren in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom. Eine Heilige in ekstatischer Verzückung. In völliger Hingabe ihres Körpers der göttlichen Liebe. Die Skulptur zeigt Teresa halb abgesunken auf einer Wolke liegend. Über ihr ein Engel, der lächelnd mit einem Pfeil auf ihr Herz zielt. Ein leicht geöffneter Mund macht Teresas Seufzen beinah greifbar, die Lider halb geschlossen. Schon viele Menschen hat diese Darstellung beschäftigt. In Wien befindet sich eine Vorstudie der Skulptur. Setz suchte das strahlende Detail allerdings vergeblich. Das Gesicht Teresas erschien ihm „wie eine zugefallene Tür“[7]. Der Artikel endet mit der Frage, wie man anorganische Materie von dem Zwang und Zumutungen des Wahrgenommenwerdens und Seinmüssens befreien könnte. Setz ist der Ansicht, dass Teresa von all dem befreit ist. „Sie ist das erste wahrhaft emanzipierte Stück Stein der Geschichte. Sie ist nicht einmal eine Sie. Wir wissen nicht, was sie ist.“[8] Sie ist kein Ding. Sie ist kein Stein. Sie beschäftigt den Autor, so dass er nach dem Ausstellungsbesuch Bilder im Netz sucht, die ihm den undinghaften Ausdruck in anderen Gesichtern der Ekstase suchen lassen. Es scheint als sei Teresa gerade zum Ununding geworden.

 

Julia Ransmayr, 2019-11-08

 

[1] Setz, Clemens. DIE ZEIT. Nr 45. FEUILLETON. Ausgabe vom 30. Oktober 2019. S.57

[2] https://caravaggio-bernini.khm.at (Ausstellung läuft von 15. Oktober 2019- 19. Januar 2020), zuletzt aufgerufen am 08.11.2019

[3] Setz, Clemens. DIE ZEIT. Nr 45. FEUILLETON. Ausgabe vom 30. Oktober 2019. S.57

[4] Barthes, Roland. Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt am Main: 1985. S. 26

[5] Setz, Clemens. DIE ZEIT. Nr 45. FEUILLETON. Ausgabe vom 30. Oktober 2019. S.57

[6] Ebda.

[7] Ebda.

[8] Ebda.

weiters:

http://www.liechtensteincollections.at/de/pages/artbase_main.asp?module=browse&action=m_work&lang=d e&sid=87564&oid=W-452006184445197 (zuletzt aufgerufen am 08.11.19)

https://caravaggio-bernini.khm.at/visione/ (zuletzt aufgerufen am 08.11.19)

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