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Das Obszöne bei Ludwig Marcuse und Sigmund Freud

Ludwig Marcuses Auseinandersetzung mit dem Obszönen operiert, wie man sagen könnte, mit dem Verdacht des Nominalismus: das Obszöne sei nur ein Wort; ein „Nichts aus Buchstaben“, hinter dem sich eine Metaphysik versteckt (1); oder, in der Terminologie anderer Philosophen: ein „Gedankending“, eine „Konstruktion“ beziehungsweise eine kulturelle Wertung für etwas, das es in der Natur nicht gebe; mithin etwas, dessen Notwendigkeit man in Frage stellen könne.
Diese Betrachtungsweise steht in der Tradition der antiken Kyniker wie Diogenes von Sinope oder Krates und Hipparchia (deren Entsprechungen in unserer Zeit wohl die Wiener Aktionisten sowie in der Popkultur der Punk darstellen). Sie alle betrachteten die mit dem Obszönen verbundenen Affekte der Scham und des Ekels für etwas Überflüssiges, Entbehrliches; etwas, das nur einer falschen Meinung oder einem Vorurteil geschuldet sei, ohne das es sich entspannter leben lasse – und auch in einer weniger hierarchischen Ordnung: wenn es keine obszönen Handlungen und Dinge gibt, und wenn die Menschen zu dieser Einsicht gelangen, dann gibt es vielleicht auch keine infamen Menschen mehr, die sich zu schämen haben. Dem Obszönen die Existenz abzusprechen ist eine rebellische philosophische Haltung, die auf Gleichheit unter den Menschen zielt.

Sigmund Freuds Überlegungen zum Unheimlichen (2) eröffnen eine andere, entgegengesetzte Sichtweise auf das Obszöne. Denn das Obszöne kann als eine Spielart des Unheimlichen betrachtet werden. (3)
Während das Obszöne für Marcuse ein Wort ohne Sache ist, ist es für Freud viel eher ein Ding ohne Wort. (4) Freilich steht auch für Freud das Obszöne in einer Beziehung zur Sprache. Es ist ein Effekt der Einführung des Signifikanten. In einer Welt, in der alle Dinge und Tatsachen Plätze bzw. Worte bekommen haben (so wie die Bücher in einer Bibliothek ihre Signaturen), ist das Obszöne dasjenige, was ohne Platz auftaucht. Wo die Welt als Verwirklichung von Möglichkeiten, d. h. von Plätzen in einer symbolischen Ordnung, aufgefasst wird, bildet das Obszöne den unmöglichen Überschuss dieser Ordnung (wie ein überzähliges Buch ohne Signatur in der Bibliothek).

Das Obszöne ist somit für Freud etwas Notwendiges (und nicht, wie für Marcuse, etwas Entbehrliches): es entsteht unweigerlich als Abfall- oder Nebenprodukt der Erzeugung einer Welt, die vernünftig geordnet ist und von der wir gelernt haben, dass das Wünschen nicht hilft. Erst in dem Moment, in dem wir eine kindliche Auffassung von einer wunschgerechten Welt aufgegeben haben, erwerben wir den Sinn für das Obszöne. Insofern stimmt Freud mit Marcuse und den Kynikern überein: für Kinder gibt es das Unheimlich-Obszöne nicht. Scham- und Ekelschranken entstehen erst später.
Allerdings sind sie für Freud nicht eigentlich Produkte der Kultur. Denn die Verabschiedung von der wunschgerechten Weltauffassung ist keine kulturelle Erwerbung, sondern eine universelle Lebensnotwendigkeit. Die „symbolische Kastration“, die uns von der wunschgerechten Welt abschneidet, ist ein Erfordernis der Natur und des Lebens. Sie wird von der Kultur nicht hervorgerufen, sondern nur eventuell unterschiedlich ausgestaltet.

Das ist entscheidend für eine politische Beurteilung des Schamgefühls. Die Kyniker und Marcuse halten die Scham für etwas von der Gesellschaft den Individuen Aufgebürdetes, Abschüttelbares. Freud hingegen ist da skeptischer. Dass Menschen sich schämen, lässt sich nicht verhindern. Ihnen zu sagen, sie müßten es nicht, hilft ihnen nicht weiter. Vielmehr verstärkt es ihre Scham: Sie schämen sich dann, wie Günther Anders bemerkte (5), sogar noch ihrer Schamgefühle. Der politische Kampf kann folglich nicht darum gehen, die Scham abzuschaffen. Er muss sich vielmehr darauf richten, sicherzustellen, dass nicht durch Ausnutzung der Scham Ungleichheiten produziert werden. Auch in einer befreiten Gesellschaft würden Menschen sich regelmäßig verschiedener Dinge schämen. Aber sie würden dadurch nicht in eine inferiore Position gegenüber anderen geraten.

(1) Siehe Ludwig Marcuse: Obszön. Geschichte einer Entrüstung. Zürich: Diogenes, 1984: 16.

(2) Sigmund Freud: [1919h] Das Unheimliche, in: ders., Studienausg. Bd. IV, Frankfurt/M.: Fischer, 1989: 241-274.

(3) Das Unheimliche ist wie das Obszöne eine Form von Genießen [jouissance], welches durch den Eintritt ins Realitätsprinzip – d. h. in eine vernünftige, sprachlich strukturierte Welt aus Objekten und Plätzen – unmöglich geworden ist. Insofern sind beide etwas, „was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist“, nach der von Freud zitierten Definition Schellings (siehe Freud [1919h]: 264). Was Angst, Abscheu, Ekel, Neid, Empörung etc. hervorruft, ist immer solches Genießen – beziehungsweise das, was dafür gehalten wird. (Wenn es uns ärgert, dass sich der Andere hinter dem Ohr kratzt oder auf dem Zahstocher kaut, dann deshalb, weil wir hinter diesen ungehörigen Gesten ein „unkastriertes“ Genießen vermuten.)

(4) Hier liegt der gravierendste Unterschied zwischen den beiden Konzeptionen: Marcuse vermutet den Gegenstand, auf den die Bezeichnung „obszön“ zielt, in der (durch religiöse und philosophische Metaphysik abgewerteten) menschlichen Sinnlichkeit (siehe Marcuse 1984: 347). Freud hingegen sieht im „Obszönen“ etwas Übersinnliches, Unmögliches, Imaginäres am Werk: das Genießen (das für einen selbst unerträglich wäre und darum meistens den anderen unterstellt wird). Freuds Konzeption ist diesbezüglich radikal „anti-sensualistisch“. Sie befindet sich in Überstimmung mit der Lehre des Epiktet: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge.“ (Epiktet: Handbüchlein der Moral. Griechisch/Deutsch. Übers. u. hgg. v. Kurt Steinmann, Stuttgart: Reclam, 2004: 11). Große Erregung und Empörung entsteht nicht auf dem Weg der Sinnlichkeit, sondern auf dem der Imagination – d. h. durch die Art, wie mithilfe von „Herrensignifikanten“ der sinnlichen Empfindung eine spezifische Interpretation verpasst wird. 

Diese paradoxe Erkenntnis steht auf dem Spiel, wenn in einer neueren, sich als materialistisch gerierenden Ästhetik der klassischen Philosophie (z. B. Immanuel Kants) vorgeworfen wird, sie hätte die ästhetische Erfahrung zu Unrecht von der sinnlichen Erfahrung abgekoppelt. (Siehe dazu z. B. Jacques Rancière: Thinking between Disciplines: An Aesthetics of Knowledge, Parrhesia, 1 (2006): 1–12; vgl. dazu Ana Texeira Pinto: Kant in Qatar, in: The Missing Denominator. Universalism and Progressive Politics, ed. by Jan Sowa. Warszawa: Biennale Warszawa/EUNIC Cluster Warsaw, 2019: 17–24; hier: 18).

(5) Siehe Günter Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, 7. Aufl. München: Beck, 1988: 29.


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